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Warum Hundeerziehung mehr mit Beziehung als mit Training zu tun haben sollte...

Im Rahmen der diesjährigen Blogparade „fair statt fies“ - veranstaltet von der Initiative für gewaltfreies Hundetraining - habe ich mich für das Thema „Beziehung statt Erziehung“ entschieden. Ein Thema, welchem im Zusammenleben mit unseren Hunden leider viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Meiner Ansicht nach ist ein Grund dafür, dass einem heutzutage das Zusammenleben mit Hund, durch oft viel zu überspitzte Vorstellungen der Gesellschaft, was ein Hund auszuhalten hat, immer schwieriger gemacht wird.

Quelle: www.tumblr.com
Quelle: www.tumblr.com

Durch diesen immer größer werdenden Druck rückt das Wohlbefinden des Hundes bei vielen HundehalterInnen unbewusst in den Hintergrund, um sich voll und ganz auf das – für die Gesellschaft – Wesentliche zu konzentrieren, dem Hund adäquates - teils sogar schon menschliches - Verhalten anzutrainieren und hündisches Verhalten kleinzuhalten. So liest man mittlerweile immer mehr über gewaltfreies, belohnungsbasiertes Training (was ich natürlich befürworte), aber es wird meiner Ansicht nach viel zu selten auf die Bedürfnisse unserer Hunde eingegangen. Die Erfüllung derer ist nämlich unumgänglich, damit sich der Hund im physischen als auch psychischen Gleichgewicht befindet, wodurch problematische Verhaltensweisen von Natur aus schon minimiert werden und der Hund zusätzlich auch viel bereitwilliger mit uns kooperiert.

 

Bitte verstehen Sie mich nun nicht falsch. Ich bin Hundeverhaltenstrainerin aus Leidenschaft und fasziniert davon, was unsere Hunde im Stande sind zu lernen, um uns in unserem Alltag – sei es bei der Arbeit, im Assistenz- oder Therapiebereich etc. – zu unterstützen. Und diese Dinge sollen selbstverständlich über positive Verstärkung und Motivation trainiert werden. Gewalt hat in einem Zeitalter, in dem ausreichend wissenschaftliche Belege für den Einsatz von belohnungsbasiertem Training vorliegen, nichts zu suchen. Aber: Ich bin mittlerweile der Meinung, dass auch Training mittels Futter ab einem gewissen Ausmaß alles andere als positiv ist. Denn oft wird vor allem in problematischen Situationen nur das nicht angebrachte Verhalten gesehen, anstatt die Emotion dahinter zu erkennen bzw. zu akzeptieren. Wir Menschen maßen uns schnell an, die Emotion des Hundes zu verharmlosen, weil es zumindest aus Menschensicht nicht notwendig ist, so zu „überreagieren“ und erkennen dann meist auch nicht die eigentlichen Bedürfnisse, die es nun zu erfüllen gilt. Sei es das Bedürfnis nach Sicherheit, nach einem Haltgeben zur Unterstützung, um die Situation zu meistern, oder das Bedürfnis nach sich Zeitnehmen und schauen dürfen etc..

Stattdessen wird oft trainiert, geclickert und belohnt was das Zeug hält und dann wundert man sich, warum sich am Verhalten des Hundes einfach nichts ändern will. Dann heißt es natürlich gleich, Training über Belohnung funktioniert bei meinem Hund nicht. Alle Hunde – egal welcher Rasse und welchen Alters  – lernen gleich. Es gibt keine Rasse, keine Persönlichkeit und keine Verhaltensauffälligkeit wo gewaltfreies Training – richtig umgesetzt – nicht funktioniert. Jedoch ist Training allein nun mal nicht alles, wodurch die Arbeit an der Beziehung zwischen Hund und Mensch unumgänglich ist.
Daher bewege ich mich mehr und mehr in die Richtung, mit den Hunden und ihren Besitzern an einer gesunden Beziehung zu arbeiten, statt zig Signale für unzählige Situationen einzutrainieren. Aber genau das macht es oft sehr schwierig, denn es gibt leider noch genug Menschen, die der Meinung sind, ausschließlich über Zwang und strikte Kontrolle kann der Hund erzogen werden. Man ist nicht der Freund des Hundes, sondern sein Chef. Irgendwie bedenklich, wenn wir ständig davon sprechen, dass der Hund der beste Freund des Menschen ist. Finden Sie nicht?

Hundeerziehung ist jedoch viel komplexer und meiner Ansicht nach auch eine Lebenseinstellung, wie es auch in der Kindererziehung der Fall ist. Ich muss meinen Hund wertschätzend behandeln und ihn auch als Hund wahrnehmen. Damit meine ich, die Bedürfnisse des eigenen Hundes zu erkennen, zu akzeptieren und ihm einen gewissen Freiraum einzuräumen, um genau diese Bedürfnisse erfüllen zu können. Stattdessen wird hündisches Verhalten immer mehr verachtet. Es hat in der heutigen Gesellschaft nichts (mehr) verloren. Der Denkansatz „Beziehung statt Erziehung“ hat mich dann auch zu einem der besten Workshops geführt, den ich in meiner Trainerkarriere je besucht habe. Mit dabei war Jasper, einer meiner eigenen Hunde. Dieses Seminar hat mir gezeigt, dass ich mit meiner persönlichen Einstellung gar nicht mal so falsch liege und hat mich auch dabei unterstützt, diesen Weg noch intensiver zu gehen. Seitdem merke ich bei mir und bei meinen eigenen Hunden eine enorm positive Veränderung und das ganz ohne Training. Hierzu möchte ich etwas ausholen, um Ihnen besser verstehen zu geben, was mich so bewegt hat:

Jasper ist – sind wir draußen unterwegs – mein kleines Traummännlein (alles ist interessant außer meine Wenigkeit) und ein totales Nasentier. Gerüche sind seine Leidenschaft, sodass wir bei jedem Spaziergang ganze Feldstudien betreiben. Für Futterbelohnungen, Spielzeug etc. kann man ihn kaum bis gar nicht begeistern. Da müsste ich schon Gerüche einstecken. Demnach war das Training beim Spaziergang, sei es lockere Leinenführung, Rückruf, Blickkontakt, Hundebegegnungen etc., extrem schwierig und daher auch enorm langwierig. Viele meiner Kunden hätten sprichwörtlich den Hut drauf geworfen. Vor allem den Blickkontakt, der mir jedoch aus verschiedensten Gründen extrem wichtig ist, haben wir auch nach über drei Jahren Training nicht hinbekommen. Eigentlich ein Verhalten, dass ein Hund innerhalb kürzester Zeit ohne viel Aufwand lernen könnte, sofern er an Belohnung aus Menschenhand interessiert ist. Jasper fand die Umwelt schon belohnend genug, dass ihn mein Futter einfach nicht interessiert hat und für ihn der Blickkontakt sinnlos erschien. Eines gleich vorweg, weil ich genau weiß, was sich jetzt der ein oder andere denken wird. Jasper würde auf Druck, Manipulation, Einschüchterung etc. erst recht nicht mitarbeiten, sondern noch mehr Distanz fordern. Ganz zu schweigen vom ethischen Aspekt und meiner persönlichen Meinung, warum einem Mitgeschöpf, für welches ich mich aktiv aus dem Herzen heraus entschieden habe, Schmerzen (sei es physisch oder psychisch) zufügen solle, damit es in meinen Augen „pariert“. Aber nun zurück zum eigentlichen Punkt auf den ich hinaus wollte. Jasper und ich waren also bei dem Workshop und somit auf den Spuren der Philosophie nach Ulli Reichmann. Und ich habe mir durch dieses Wochenende erhofft, dass Jasper und ich zukünftig aktiv miteinander spazierengehen könnten. Und mein Wunsch hat sich an nur einem Wochenende erfüllt. Sandra & Sabine haben uns gezeigt, wie wir bedürfnisorientiert mit unseren Hunden Spazierengehen können. Signale sind dafür eigentlich nicht notwendig gewesen, sondern einfach nur beobachten, was uns unsere Hunde zeigen, und körpersprachlich sowie stimmlich darauf reagieren. Nach nur einem Spaziergang hatte ich einen Hund, der wie ausgewechselt war. An einer wohlgemerkt zehn Meter Schleppleine, die ihm eigentlich so viel Freiraum gegeben hat, sodass die Wahrscheinlichkeit, mich komplett auszublenden meiner Meinung nach sehr groß war, vor allem für mein Traummännlein. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Jasper bietet mir nach über sieben Jahren zum ersten Mal nicht nur Blickkontakt an, sondern kommt – ohne ein Signal von mir – freudestrahlend auf mich zu gelaufen, setzt sich vor mich hin, mit einem Blick, den ich von ihm noch nie gesehen habe. So klar und vielsagend, als würde er mir bis in die Seele blicken. Für mich ein Blick der Einladung, wie ein „Komm wir gehen da gemeinsam entlang.“ Und genau das taten wir und immer wieder kam er, auf einem völlig fremden Gebiet, wo es nur nach Wild und anderen Hunden roch, zu mir, um sich dann mit einer Selbstverständlichkeit auch Kekse abzuholen.

An diesem Wochenende hat Jasper mehr Kekse gegessen, als in einem ganzen Monat. Und er ist mir nicht auf der Nase herumgetanzt oder hat einfach sein Ding gemacht, was sicherlich die Angst vieler Menschen gewesen wäre. Er hat mit mir kommuniziert und ohne Aufforderung kooperiert. Und nicht nur das, er hat dabei gestrahlt und war einfach so glücklich, dass ich ihn endlich verstehe. Für mich war das ein ganz klares Zeichen, weniger Kontrolle ist oft viel mehr. Weniger Signale geben, mehr seinem Hund vertrauen und sich darauf einlassen, mit seinem Hund gemeinsam den Weg zu gehen. Und genau das ist für mich der Punkt. Wir haben an nur einem Wochenende ganz nach dem Motto „Kontrolle abgeben und Beziehung erleben“ etwas geschafft, was ich in 3 Jahren mit starrem Training nicht schaffen konnte. Mein Bub schaut mich an, weil er es gerne tut, weil er sich verstanden fühlt und ich seine Bedürfnisse erkenne, akzeptiere und zulasse. Unsere Beziehung ist seit dem Wochenende enorm gewachsen und hat sich unglaublich verändert. Und das alles OHNE Training und natürlich auch OHNE Druck, Gewalt etc. Wir verstehen uns nun einfach noch besser und ich vertraue seitdem all meinen Hunden viel mehr. Auch mein Jägerbub Nanuk hat von dieser neuen Lebenseinstellung des Zusammenlebens enorme Verhaltensänderungen gezeigt. So freut er sich, wenn wir gemeinsam Wildspuren verfolgen oder Wild aus der Ferne beobachten. Vor einigen Tagen war ich selbst zu unvorsichtig und ließ die Leine auf dem Boden nachschleifen. Einige Minuten später hörte er es im Gebüsch rascheln und begann in sein altes Verhatensmuster zu fallen, er lief los, aber als er sah, dass ich nicht hinter ihm war, blieb er stehen und machte sofort kehrt, um zu sehen wo ich war. Unglaublich. Nanuk, mein Spitzenjäger hat sich aus freien Stücken für mich entschieden! Daher bin ich sehrwohl auch der Meinung, dass Hunde aus freien Stücken uns gegenüber auf selbstbelohnendes Verhalten verzichten können, jedoch nur, wenn wir auf die Bedürfnisse unserer Vierbeiner eingehen und diese akzeptieren und auch im gesicherten Rahmen zulassen.

Anstatt sich zu fragen, wie kann ich meinem Hund dieses und jenes Verhalten abgewöhnen, sollten wir uns daher mehr fragen, welches Bedürfnis und welche Emotion stehen dahinter. Aber genau das tun die wenigsten Hundehalter. Ich habe kaum einen Kunden, der mich fragt, warum sein Hund genau das tut, was er nicht soll. Eher kommt die Frage, wie man dies oder jenes dem Hund abgewöhnen kann. Gar nicht, wenn wir nicht erkennen, dass hinter unserem Vierbeiner ein fühlendes Lebewesen steht, welches nicht wie ein Roboter funktionieren kann. Verhalten passiert nicht einfach so, es muss einen Grund dafür geben, warum der Hund sich für diese oder jene Verhaltensweise entschieden hat. So kann ich an einem Verhalten trainieren solange ich möchte. Solange ich nicht die Emotion dahinter wahrnehme, unterstützend eingreife und vielleicht auch einmal darüber nachdenke, was ich als Mensch vielleicht falsch mache, anstatt immer dem Hund die Schuld zu geben. Aber genau dafür ist es notwendig, seinen Hund zu verstehen und ihm ein sicherer Partner zu sein. Der Hund muss seinem Menschen voll und ganz vertrauen können., ihn als sicheren Hafen sehen. Das schafft man allerdings nur, wenn man tagsaus, tagein seinen Hund als solchen wahrnimmt und ihn liebevoll behandelt. Beziehungsarbeit eben, welche durch kein Training der Welt ersetzt werden kann. Beziehung passiert zwar automatisch. Wir können allerdings beeinflussen, welche Qualität unsere Beziehung haben soll. 

Quelle: www.giphy.com
Quelle: www.giphy.com